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"Die vergessene Krise im Sudan"

Es gibt Zahlen, die so groß sind, dass sie ihre Bedeutung verlieren. 33,7 Millionen Menschen, die humanitäre Hilfe brauchen. Zwölf Millionen auf der Flucht. Mindestens 150.000 Tote. Zwei Drittel einer ganzen Bevölkerung im Überlebensmodus. Wer das liest, nickt vielleicht und scrollt weiter. Genau das ist das Problem.

Während die Welt auf Gaza, die Ukraine und den Iran-Krieg blickt, vollzieht sich im Sudan seit drei Jahren die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart – und sie wird im öffentlichen Bewusstsein wie ein Hintergrundrauschen behandelt. Dabei laufen dort Verbrechen ab, die UN-Ermittler im Februar 2026 unmissverständlich als die "Kennzeichen eines Völkermords" beschrieben haben.

Wie aus einem Machtkampf ein Vernichtungskrieg wurde

Der Krieg begann am 15. April 2023 als interner Streit zwischen zwei Generälen. Auf der einen Seite die Sudanesischen Streitkräfte (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan, auf der anderen die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemedti. Beide hatten zuvor gemeinsam geputscht. Beide hatten den demokratischen Übergang nach dem Sturz des Diktators Omar al-Bashir 2019 sabotiert. Dann zerstritten sie sich über die Frage, wer das Land beherrschen sollte.

Was als Auseinandersetzung in Khartum begann, hat das Land seither systematisch zerlegt. Khartum wurde weitgehend zerstört und entvölkert, bevor die SAF im März 2025 die Kontrolle zurückgewann. Die Front verschob sich nach Westen, nach Darfur, in jene Region, die bereits in den 2000er-Jahren unter dem Begriff Völkermord traurige Berühmtheit erlangt hatte. Und ausgerechnet dort, wo die Vorgängermiliz der RSF – die berüchtigten Janjaweed – schon einmal an der ethnischen Säuberung schwarzafrikanischer Bevölkerungsgruppen beteiligt war, geschieht es jetzt wieder.

El Fasher: Ein angekündigtes Massaker

Wenn man verstehen will, warum dieser Krieg ein anderer Maßstab ist als die meisten Konflikte unserer Zeit, muss man über El Fasher sprechen. Die Hauptstadt Nord-Darfurs, einst Zufluchtsort für 1,5 Millionen Menschen, wurde achtzehn Monate lang von der RSF belagert. Die Miliz hob einen über dreißig Kilometer langen Graben um die Stadt aus, sperrte Hilfslieferungen aus, ließ Menschen verhungern. Forscher der Yale School of Public Health hatten bereits im Juli 2023 gewarnt, dass ein "völkermordähnliches Massaker" drohe, sollte die Stadt fallen.

Sie fiel am 26. Oktober 2025. Was dann geschah, gilt unter Menschenrechtsexperten als das schwerste Kriegsverbrechen dieses Krieges. Die UN dokumentierte allein in den ersten drei Tagen über 6.000 Tötungen. Lokale Regierungsvertreter sprachen von 27.000 Toten in der ersten Woche. Eine Analystin schätzt die Gesamtzahl auf bis zu 100.000 – belastbare Zahlen gibt es nicht, weil es im belagerten Gebiet keine funktionierende Verwaltung mehr gibt.

Die Berichte der Überlebenden sind erschütternd auf eine Art, für die man als Leser keine Sprache hat. RSF-Kämpfer trennten Menschen nach Alter und Geschlecht. Männer und halbwüchsige Jungen wurden in Massenexekutionen erschossen. Frauen und Mädchen aus den Volksgruppen der Zaghawa und Fur wurden systematisch vergewaltigt – während Frauen, die als arabisch wahrgenommen wurden, oft verschont blieben. Überlebende zitieren RSF-Kämpfer mit Sätzen wie: "Wenn wir Zaghawa finden, töten wir sie alle" und "Wir wollen alles Schwarze aus Darfur eliminieren."

Im Februar 2026 kam die unabhängige UN-Untersuchungsmission zu dem Schluss, dass es nur eine vernünftige Schlussfolgerung gebe: Die RSF habe mit der Absicht gehandelt, die Zaghawa und Fur in El Fasher ganz oder teilweise zu vernichten. Es sind die juristisch präzisen Worte des Völkermords.

Die Geografie des Hungers

Während sich die Welt auf El Fasher konzentriert – soweit sie sich überhaupt konzentriert –, breitet sich eine zweite Katastrophe über das gesamte Land aus, die langsamer, leiser und möglicherweise tödlicher ist als jede einzelne Schlacht: der Hunger.

Die RSF brennt systematisch Ackerflächen nieder. Märkte sind zerstört, Lieferketten zusammengebrochen, die Inflation außer Kontrolle. Welthungerhilfe-Mitarbeiter berichten von lokalen Treibstoffpreisen, die um achtzig Prozent gestiegen sind, und Weizenpreisen, die sich um siebzig Prozent verteuert haben – nicht zuletzt, weil der Iran-Krieg zusätzliche Lieferketten unterbrochen hat. Über 21 Millionen Menschen sind nach IPC-Klassifizierung von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. In mehreren Regionen herrscht offiziell Hungersnot. Es ist die schlimmste Hungerkatastrophe im Sudan seit mindestens 2004.

Hunger ist hier keine Begleiterscheinung des Krieges. Hunger ist eine Waffe. Wer eine Stadt belagert und Lebensmittel als Druckmittel einsetzt, betreibt eine Form von Kriegsführung, die das humanitäre Völkerrecht als Verbrechen klassifiziert. Im Sudan ist diese Methode Routine.

Warum niemand die Konfliktparteien stoppt

Die unbequeme Wahrheit ist: Dieser Krieg wird nicht trotz, sondern wegen ausländischer Beteiligung am Laufen gehalten. Die Vereinigten Arabischen Emirate liefern der RSF Waffen und organisieren die Ausbildung von Söldnern in Äthiopien. Die SAF wiederum bezieht Drohnen aus dem Iran und der Türkei. Russland blockierte im November 2024 mit seinem Veto eine UN-Sicherheitsratsresolution, die eine sofortige Feuerpause und humanitären Zugang gefordert hätte. Alle anderen Mitglieder hatten zugestimmt.

Aus dem Sudan fließen große Mengen Gold ins Ausland, in die andere Richtung kommen Waffen. Beide Konfliktparteien und ihre regionalen Partner profitieren von einem Zustand permanenter Gewalt. Das ist der zynische Kern dieses Krieges: Es gibt keine ernsthaften Friedensverhandlungen, weil keine der relevanten Akteure ernsthaft Frieden will.

Die internationale Sudan-Konferenz in Berlin am 15. April 2026 sagte zusätzliche Hilfen von 1,3 Milliarden Euro zu, davon 230 Millionen aus Deutschland und 360,8 Millionen von der EU. Das ist viel Geld. Es ist auch fast nichts, gemessen am Bedarf: Die Vereinten Nationen meldeten zur Konferenz, dass von den für 2026 benötigten humanitären Mitteln bis dahin nur rund sechzehn Prozent gedeckt seien. Vertreter der Konfliktparteien waren in Berlin nicht eingeladen. Manche Beobachter halten das für richtig, weil man Mörder nicht aufwertet. Andere für naiv, weil ohne sie kein Frieden zu machen ist. Beides stimmt vermutlich.

Die Aufmerksamkeitslücke

Es lohnt sich, ehrlich darüber zu sein, warum diese Krise im Westen so wenig Aufmerksamkeit bekommt. Es liegt nicht an mangelnder Information – Berichte gibt es genug. Es liegt vermutlich an einer Mischung aus mehreren Faktoren: Die Bilder des Konflikts erreichen uns kaum, weil ausländische Journalisten kaum Zugang haben und das Internet großflächig abgeschaltet wurde. Es gibt keine geopolitische "westliche Seite", mit der man sich identifizieren könnte. Die Opfer sind schwarzafrikanisch und muslimisch, was offenbar einen Unterschied macht in der medialen Empathie-Ökonomie. Und der Konflikt ist kompliziert, was nicht hilft, wenn die Aufmerksamkeitsspanne der Weltöffentlichkeit ohnehin schrumpft.

Es ist, was UNICEF-Direktorin Catherine Russell anlässlich des zwanzigsten Jahrestags der ersten Darfur-Warnung beklagt hat: Vor zwanzig Jahren habe sich die Welt empört über das Leiden der Kinder in Darfur. Heute wachse eine neue Generation unter Gewalt, Hunger und Angst auf – und die Welt schaue weg. Allein in den ersten drei Monaten von 2026 wurden mindestens 160 Kinder getötet und 85 verletzt, ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr.

Was tun?

Es gibt keine einfache Antwort auf einen Krieg, dessen Akteure kein Interesse an dessen Ende haben. Aber es gibt Handlungsoptionen, die in den Berichten von Human Rights Watch, der UN und der Welthungerhilfe immer wieder genannt werden:

Ein UN-Waffenembargo, das nicht nur Darfur, sondern den gesamten Sudan umfasst und tatsächlich durchgesetzt wird. Gezielte Sanktionen gegen RSF- und SAF-Kommandeure, gegen die belastbares Beweismaterial vorliegt. Diplomatischer Druck auf die Vereinigten Arabischen Emirate, die militärische Unterstützung der RSF einzustellen – ein Punkt, den Menschenrechtsorganisationen mit Nachdruck fordern, der politisch aber heikel ist, weil die VAE ein wichtiger westlicher Partner sind. Eine Stärkung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit, deren Ermittlungen zu Darfur seit 2005 laufen und die im Oktober 2025 mit der Verurteilung des Janjaweed-Kommandeurs Ali Kushayb einen ersten substanziellen Erfolg verbuchen konnte. Vor allem aber: deutlich mehr humanitäre Mittel, und zwar unabhängig von einer Waffenruhe.

Für jeden Einzelnen bleibt zumindest die Möglichkeit, Organisationen zu unterstützen, die im Land arbeiten. Die Welthungerhilfe, der UNHCR, das Internationale Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, die lokalen "Emergency Response Rooms" – ein Netz freiwilliger Sudanesinnen und Sudanesen, die in zerstörten Städten Suppenküchen, Notunterkünfte und Erste-Hilfe-Stationen organisieren – sind alle auf Spenden angewiesen.

Sehen, was geschieht

Am Ende ist es vielleicht das Mindeste, was man tun kann: hinsehen. Sich nicht damit abfinden, dass es einen "Krieg in Afrika" gibt, der eben so läuft. Wahrnehmen, dass dort, irgendwo zwischen den Schlagzeilen über andere Krisen, gerade ein Volk stirbt – durch Kugeln, durch Hunger, durch organisiertes Wegsehen.

Hassaina, eine 45-jährige Überlebende aus El Fasher, der die taz im März 2026 begegnete, sagte zwei Sätze, die man nicht so leicht wieder loswird. "Ich habe am eigenen Leib einen Völkermord erlebt." Und: "Die internationale Gemeinschaft hat sich schuldig gemacht."

Sie hat recht. Es ist nicht zu spät, das zu ändern. Aber jeden Tag wird es ein bisschen später.


Quellen und weiterführende Informationen: International Rescue Committee Emergency Watchlist 2026, UN OHCHR-Bericht zu El Fasher (Februar 2026), Independent International Fact-Finding Mission for the Sudan, Welthungerhilfe, Human Rights Watch, Yale Humanitarian Research Lab, UNICEF Child Alert 2026.